Mit den Schwächen des guatemaltekischen Bildungssystems werden wir in unserer Arbeit im Projekt täglich konfrontiert. Zur Einführung kurz die Ergebnisse der Wissenschaftsolympiade, die die staatliche Universität San Carlos neulich veranstaltet hat:
Von den Preisträgern der Olympiade wurden 82 % der Preisträger in der Hauptstadt ausgebildet.
95 % der Preisträger absolvieren ihre Ausbildung in privaten Institutionen.
Mehr als 85 % der Preisträger sind Männer.
Leider gibt der Bericht nicht an, wie viele Indígena sich unter den Preisträgern befanden; ihr Anteil dürfte aber verschwindend gering sein.
Das bedeutet, dass Indígena, Frauen, Menschen aus ländlichen Gegenden und armen Verhältnissen immer noch kaum Chancen auf eine gute Ausbildung haben. Um das zu ändern, gibt es unser Projekt, dass diesen jungen Menschen die Möglichkeit geben will, ihre Talente zu nutzen und ihre Begabungen zum Wohl aller einzusetzen.
Im Folgenden einige Zeitungsausschnitte und Anmerkungen:
„Wirkliche Bildung hat nichts damit zu tun, so viele Daten wir möglich auswendig zu lernen, die einem doch nicht darin helfen, die Welt, in der wir leben, zu verstehen. Die Wahrheit ist, dass man nicht in die Schule gehen braucht, um all diese wirklich wichtigen Dingen und noch viel mehr zu lernen. Es geht nicht darum, monatelang Fakten zu lernen, die man mit einem Mausklick auch in seinem Computer finden kann. Die notwendige Grundbildung besteht vielmehr darin, uns Beispiele und Denkhilfen an die Hand zu geben, um eine Orientierung für unser eigenes Verhalten zu besitzen. Viele dieser Beispiele wären nicht nur dazu da, uns zu sagen, was wir tun sollen, sondern eben gerade auch, was wir nicht tun sollen. Bildung, sei sie gut oder schlecht, besteht darin, Denk- und Handlungsmuster zu erlernen. Die Bildung des Charakters ist ein Aspekt, an dem es in unserem schulischen und außerschulischen Bildungs- und Erziehungssystem am meisten mangelt.“ (Zit. nach: Rigoberto Juárez Paz, El Periodico, 2. September 2006)
Mathematik, das Hindernis, das die Einschreibung in die Universität San Carlos versperrt
Die staatliche Universität San Carlos verpflichtet aufgrund des sehr unterschiedlichen Bildungsniveaus der Bewerber seit sechs Jahren alle Studieninteressierten vor Beginn ihres Studiums zu einem Einstufungstest. Wer diesen nicht besteht, muss ein Vorstudienjahr absolvieren.
Das Niveau des Einstufungstests basiert auf Anforderungen, die das Bildungsministerium an Abiturienten stellt, die Bewerber werden über die zu erwartenden Fragen informiert und dennoch sind die Ergebnisse katastrophal. Sie spiegeln die Bildungsmisere wider und vermutlich auch den verminderten Zugang der ärmeren Bevölkerungsschichten, vor allem der Maya, zu Bildung. So erreichten im Juli von den 5.210 Bewerbern gerade einmal 10 % die zum Bestehen des Einstufungstests erforderliche Punktzahl und haben damit Zugang zu ihren Wunschstudiengängen. Diesen Montag saßen weitere 17.818 Anwärter über ihren Fragebögen, auch von ihnen wird vermutlich nur ein Bruchteil den Soforteinstieg an die Uni schaffen.
Die Ziele, die man mit dieser Vorauswahl erreichen will, scheinen näher zu rücken: statt 45 % vor sechs Jahren müssen inzwischen nur noch 25 % der aufgenommenen Studenten im Laufe ihrer Ausbildung ein Jahr wiederholen. Damit sinkt auch die durchschnittliche Studiendauer; nicht selten dauerte es 10 Jahre, bis ein Student seinen Abschluss in der Hand hielt.
Zu fragen bleibt jedoch, ob man durch diese Vorauswahl nicht auch eine Trennung der Gesellschaft betreibt, denn je mehr Geld in die Schulbildung eines Kindes investiert wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass dieses Kind auch den Sprung in die Uni schafft. Der große Rest muss sich durch das Vorstudienjahr kämpfen, um seine Bildungsdefizite aufzuholen, gleichzeitig aber auch für seinen Lebensunterhalt sorgen. Wie viele Begabte werden durch dieses System entmutigt und von ihrem Ziel – Studieren – gänzlich abgebracht?
(Informationen aus: Matemáticas, el obstáculo para ingresar a la USAC, Claudia Palma, El Periodico, 2. September 2006)