Guatemala – ein Rechtsstaat?

Oktober 12, 2006 von edelkirsche

Seit Anfang des Jahres (bis zum 31. Juli) sind in Guatemala 3.455 Menschen einen gewaltsamen Tod gestorben. Das sind zwischen 400 und 500 jeden Monat.

Von allen insgesamt begangenen Straftaten werden nur 45 % überhaupt zur Anzeige gebracht.

von diesen 45% wiederum werden:

20% untersucht

8% kommen vor ein Gericht

5% erhalten ein richterliches Urteil

in 2% wird eine Verurteilung ausgesprochen.


(Quelle: Antonio Ordoñez: Aprueban Ley del Instituto Nacional de Ciencias Forenses, El Periodico, 1. September 2006.)


Freihandelsabkommen

Oktober 12, 2006 von edelkirsche

Interview mit María del Rosario de Falla, Vorsitzende des nationalen Geflügelzüchtervereins (Anavi) vom 4. September 2006, El Periodico

Die Anavi fordert die Steigerung der Einfuhrzölle auf Geflügel von15 auf 164,4 %, sobald die ins Land importierte Menge 21.810 Tonnen Fleisch überschreitet. Warum?

- Weil dies im Freihandelsabkommen so vorgesehen ist. Es handelt sich hierbei nicht um Protektionismus von unserer Seite, wir fordern lediglich eine Entschädigung für die uns daraus entstehenden Absatzverluste.

Man kann schon deshalb nicht von Protektionismus von seiten Guatemalas aus sprechen, weil die Volkswirtschaften unseres Landes und der USA überhaupt nicht miteinander vergleichbar sind. Wir haben 13 Millionen Einwohner, die USA haben 300 Millionen Konsumenten – man kann sich den Unterschied in der Produktion von Geflügel vorstellen. Wir kämpfen mit dem Problem des Preis-dumpings, denn ein Produkt, was gut subventioniert aus den USA eingeführt wird, kann hier im Land zu Preisen verkauft werden, die unter unseren hiesigen Produktionskosten liegen. In diesem Fall kann man nicht von fairem Wettbewerb sprechen.

Welchen Einfluss hätte die Anhebung des Einfuhrzolls für den Verbraucher?

- Keinen, denn die 21.810 Tonnen Geflügel, die vergünstigt eingeführt werden können, begleitet von unserer nationalen Produktion, decken die Nachfrage des guatemaltekischen Marktes.

Fürchten Sie, dass die Einfuhr von billigem us-amerikanischen Geflügel der hiesigen Produktion schaden könnte?

- Wir wollen ein Gleichgewicht zwischen beiden Produktionen, das ohne eine Entschädigungsquote nicht besteht.

Was geschieht, wenn die Regierung trotz Ihrer Bemühungen die Zölle nicht anhebt?

- Dasselbe, was vor Jahren mit der nationalen Milchproduktion geschehen ist. Sie wurde durch Importe verdrängt und schliesslich gingen die Arbeitsplätze in diesem Produktionszweig verloren, weil die importierte Milch billiger war. Doch sobald die inländische Konkurrenz nicht mehr bestand, stiegen die Preise, denn nun war nichts mehr zu befürchten. Der kurzfristige Effekt stimmt eben nicht immer mit den langfristigen Auswirkungen solcher Entscheidungen überein.

Wie viele Arbeitsplätze schafft die nationale Geflügelproduktion?

- 30.000 direkte Arbeitsplätze und weitere 300.000 indirekte.

Der guatemaltekische Geschmack ist ja sehr speziell: vor allem die Beine und das schwarze Hühnchenfleisch verkaufen sich gut. Wenn die guatemaltekischen Produzenten nun ihre Preise etwas senken, um mit den importierten Produkten mithalten zu können ?

- Das Problem ist, dass wir nicht nur Beine und Flügel produzieren können. Die USA, die Hühnerbrust zu sehr guten Preisen auf ihrem einheimischen Markt absetzen können, haben es wesentlich leichter, die unbeliebten Teile, Beine, Flügel, schwarzes Fleisch, nach Guatemala zu sehr günstigen Preisen zu verkaufen.

Wir haben diesen Ausgleich nicht. Wenn wir unsere Geflügelbrüste zu denselben Konditionen verkaufen könnten wie die USA, ständen wir sicherlich besser da und könnten dafür Preise in den anderen Kategorien senken, aber wir haben eben keinen Zugang zum ausländischen Markt.

Das guatemaltekische Bildungssystem

Oktober 12, 2006 von edelkirsche

Mit den Schwächen des guatemaltekischen Bildungssystems werden wir in unserer Arbeit im Projekt täglich konfrontiert. Zur Einführung kurz die Ergebnisse der Wissenschaftsolympiade, die die staatliche Universität San Carlos neulich veranstaltet hat:

Von den Preisträgern der Olympiade wurden 82 % der Preisträger in der Hauptstadt ausgebildet.

95 % der Preisträger absolvieren ihre Ausbildung in privaten Institutionen.

Mehr als 85 % der Preisträger sind Männer.

Leider gibt der Bericht nicht an, wie viele Indígena sich unter den Preisträgern befanden; ihr Anteil dürfte aber verschwindend gering sein.

Das bedeutet, dass Indígena, Frauen, Menschen aus ländlichen Gegenden und armen Verhältnissen immer noch kaum Chancen auf eine gute Ausbildung haben. Um das zu ändern, gibt es unser Projekt, dass diesen jungen Menschen die Möglichkeit geben will, ihre Talente zu nutzen und ihre Begabungen zum Wohl aller einzusetzen.

Im Folgenden einige Zeitungsausschnitte und Anmerkungen:

„Wirkliche Bildung hat nichts damit zu tun, so viele Daten wir möglich auswendig zu lernen, die einem doch nicht darin helfen, die Welt, in der wir leben, zu verstehen. Die Wahrheit ist, dass man nicht in die Schule gehen braucht, um all diese wirklich wichtigen Dingen und noch viel mehr zu lernen. Es geht nicht darum, monatelang Fakten zu lernen, die man mit einem Mausklick auch in seinem Computer finden kann. Die notwendige Grundbildung besteht vielmehr darin, uns Beispiele und Denkhilfen an die Hand zu geben, um eine Orientierung für unser eigenes Verhalten zu besitzen. Viele dieser Beispiele wären nicht nur dazu da, uns zu sagen, was wir tun sollen, sondern eben gerade auch, was wir nicht tun sollen. Bildung, sei sie gut oder schlecht, besteht darin, Denk- und Handlungsmuster zu erlernen. Die Bildung des Charakters ist ein Aspekt, an dem es in unserem schulischen und außerschulischen Bildungs- und Erziehungssystem am meisten mangelt.“ (Zit. nach: Rigoberto Juárez Paz, El Periodico, 2. September 2006)

Mathematik, das Hindernis, das die Einschreibung in die Universität San Carlos versperrt 

Die staatliche Universität San Carlos verpflichtet aufgrund des sehr unterschiedlichen Bildungsniveaus der Bewerber seit sechs Jahren alle Studieninteressierten vor Beginn ihres Studiums zu einem Einstufungstest. Wer diesen nicht besteht, muss ein Vorstudienjahr absolvieren. 

Das Niveau des Einstufungstests basiert auf Anforderungen, die das Bildungsministerium an Abiturienten stellt, die Bewerber werden über die zu erwartenden Fragen informiert und dennoch sind die Ergebnisse katastrophal. Sie spiegeln die Bildungsmisere wider und vermutlich auch den verminderten Zugang der ärmeren Bevölkerungsschichten, vor allem der Maya, zu Bildung. So erreichten im Juli von den 5.210 Bewerbern gerade einmal 10 % die zum Bestehen des Einstufungstests erforderliche Punktzahl und haben damit Zugang zu ihren Wunschstudiengängen. Diesen Montag saßen weitere 17.818 Anwärter über ihren Fragebögen, auch von ihnen wird vermutlich nur ein Bruchteil den Soforteinstieg an die Uni schaffen. 

Die Ziele, die man mit dieser Vorauswahl erreichen will, scheinen näher zu rücken: statt 45 % vor sechs Jahren müssen inzwischen nur noch 25 % der aufgenommenen Studenten im Laufe ihrer Ausbildung ein Jahr wiederholen. Damit sinkt auch die durchschnittliche Studiendauer; nicht selten dauerte es 10 Jahre, bis ein Student seinen Abschluss in der Hand hielt.

Zu fragen bleibt jedoch, ob man durch diese Vorauswahl nicht auch eine Trennung der Gesellschaft betreibt, denn je mehr Geld in die Schulbildung eines Kindes investiert wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass dieses Kind auch den Sprung in die Uni schafft. Der große Rest muss sich durch das Vorstudienjahr kämpfen, um seine Bildungsdefizite aufzuholen, gleichzeitig aber auch für seinen Lebensunterhalt sorgen. Wie viele Begabte werden durch dieses System entmutigt und von ihrem Ziel – Studieren – gänzlich abgebracht?

(Informationen aus: Matemáticas, el obstáculo para ingresar a la USAC, Claudia Palma, El Periodico, 2. September 2006)

Ramazzini ruft zum Tag des Migranten zu mehr Solidarität auf

Oktober 12, 2006 von edelkirsche

Mehr Respekt für die Menschen aus Zentralamerika, die Guatemala auf ihrer Reise in Richtung Vereinigte Staaten durchqueren, forderte Álvaro Ramazzini, Vorsitzender der guatemaltekischen Bischofskonferenz, anlässlich des Tags des Migranten.

Ramazzini betonte, die Migranten dürften nicht nur als gute Einkommensquelle gesehen werden, sondern auch und vielmehr als Personen, die unserer Unterstützung und Solidarität bedürfen, denn auch wenn durch den Sturm Stan im vergangenen Jahr die Zahl der Migranten vorübergehend zurückgegangen ist (Infrastruktur ist zerstört und Schlepper verlangen deutlich höhere Prämien), so ist doch dieAnziehungskraft des amerikanischen Traums für viele ungebrochen. So empfängt das Haus der Migranten, eine gemeinnützige Organisation, im Jahr 15.000 Personen, die Mehrheit von ihnen junge und noch nicht volljährige Männer ohne Chancen auf Bildung oder Beruf in ihrem Heimatland.

Nach einer warmen Mahlzeit, einer Dusche, einer ruhigen Nacht und frischer Kleidung heisst es dann, den Weg über den Fluss Suchiate, der einen Teil der Grenze zwischen Mexiko und Guatemala bildet, zu wagen und damit den Sprung in die Ungewissheit und Illegalität.

(Quelle: Claudia Acuña: Ramazzini llama a respetar a los migrantes, 4. Septemer 2006, El Periodico)

Mein Haus sieht aus wie eins in den Vereinigten Staaten

Oktober 12, 2006 von edelkirsche

Während im Süden die Häuser aus Luftziegeln und Dachziegeln immer wertvoller werden, ist diese Bauweise in Guatemala die der Armen. Mit dem Geld, was Familien von ihren in den USA arbeitenden Angehörigen erhalten, bemüht man sich, ein Haus zu bauen, das der ganzen Welt mitteilt: „uns geht es gut“.

Es gibt Dörfer, deren Architektur sich in den letzten 20 Jahren komplett geändert hat. Das Bild von Häusern aus Luftziegeln bleibt eine Erinnerung für Postkarten. Der Ort Concepción Chiquirichapa, 212 km von der Hauptstadt entfernt, ist ein solcher Ort.

Blickt man aus dem Fenster des Bürgermeisters, strahlen einem Kacheln und Fliesenboden entgegen. Im zweiten Stock sieht man Balkontüren mit Glaseinsatz – die Werbung eines Unternehmens preist sie für 500 Euro pro Stück an.

Schaut man ein Stück weiter hinauf, sieht man ein provisorisches Dach: ein dritter, manchmal gar ein vierter Stock sind geplant. Die schmuckreich gestalteten Fassaden orientieren sich an modernen Stadthäusern in den Vereinigten Staaten.
Viele der Häuser wurden nach Vorbildern errichtet, die die in den Vereinigten Staaten arbeitenden Familienväter ihren Lieben zusammen mit den mühsam ersparten Dollars, den sogenannten remesas, als Foto in die Heimat schickten. „So ein Haus sollt ihr bauen“, heisst es dann. Aber das amerikanische Vorbild reicht nicht über die Fassade hinaus, innen ist die Bauart mehr als guatemaltekisch: keine Be- und Entlüftung, die Zimmer sind untereinander durch Türen und Gänge alle mieinander verbunden und es ist dunkel.

Einige dieser Häuser haben auf ihrem Dach die typischen mit Wasser gefüllten Betonbecken, die pilas, in denen die Wäsche gewaschen wird. Sogar temascales, eine Art Minisauna für Frauen, in die man nur gebückt hineinkriechen kann und die durch einen Feuerholzofen geheizt werden und dementsprechend völlig verrust sind, finden sich auf manchen Dächern, weil man die Tradition doch nicht so ganz aufgeben will.

Studien der Internationalen Organisation für Migration zufolge wurden im Jahr 2005 insgesamt 12 % aller Geldmittel, die von im Ausland arbeitenden Guatemalteken an ihre Familien zuhause geschickt wurden, dazu verwendet, neue Häuser zu erbauen oder die alten umzugestalten.

(Quelle: Mirja Valdés de Arias: Mi casa es como las de Estados Unidos, 3. September 2006, El Periodico)